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Politik, Wirtschaft

Hacker-Währung Bitcoin Geld aus der Steckdose


Ein gefährliches Projekt, das Regierungen stürzen und die Weltwirtschaft destabilisieren könnte – oder ein Schritt zu mehr Unabhängigkeit von Banken und Regierungen? Die digitale Hacker-Währung interessiert sogar die CIA – und macht einige Menschen gerade sehr reich.

Hamburg – Moleculars Geldmaschine steht auf dem Balkon. Zuerst stand der eigens zusammengeschraubte Computer noch in der Wohnung. Aber weil der Rechen-Bolide mit seiner superschnellen Grafikkarte beim Geldmachen so stark gekühlt werden muss, “macht er so viel Krach wie ein Fön”, sagt der Softwareentwickler. Also wurde der Computer in eine Holzkiste im Freien verbannt. Da arbeitet er jetzt seit Monaten, ob bei Regen oder bei Schnee, und erschafft aus Strom Geld. Sogenannte Bitcoins.

Man kann mit diesen digitalen Münzen auf einer Auktionsplattform schon jetzt Handys oder DVDs einkaufen, oder auf einer eigens eingerichteten Website darum pokern. Organisationen wie die Free Software Foundation oder die Electronic Frontier Foundation nehmen Bitcoins als Spenden entgegen. Diverse Plattformen bieten an, das Digitalgeld in US-Dollar oder andere Währungen umzutauschen, zu ständig aktualisierten – derzeit ständig steigenden – Wechselkursen. Allein die Handelsplattform Mt. Gox hat im vergangenen Monat Dollar-Bitcoin-Transaktionen im Wert von etwa sechs Millionen Dollar abgewickelt. Ein einzelner – anonymer – “Miner” soll schon über 300.000 Bitcoins angesammelt haben – nach derzeitigem Wechselkurs wären das 2,4 Millionen Dollar. “Mining” ist Geldmachen. Doch das wird immer schwieriger.

Einlage verzwanzigfacht

Bitcoins sind Hackergeld, geboren aus den Idealen der Open-Source-Bewegung, gezeugt mit Hilfe der uralten Kunst der Kryptografie, der Verschlüsselung. Sie sollen beliebig teilbar sein, absolut fälschungssicher, anonym und nicht rückverfolgbar. Vereinfacht gesagt: Die an das Netzwerk angeschlossenen Computer errechnen verschlüsselte Zeichenfolgen, die bestimmten mathematischen Bedingungen genügen. Aus diesen Zeichenfolgen besteht das Geld.

Eine einzelne Bitcoin besteht nicht nur aus einer konstanten Zeichenfolge, sondern schleppt ihre Geschichte mit sich herum. Jede Übertragung von einem Besitzer zum nächsten wird Teil des Codes. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die virtuellen Münzen nicht gefälscht oder einfach kopiert werden können. Die am Netzwerk beteiligten “Miner” prüfen die abgewickelten Transaktionen auf Ungereimtheiten. Bei einer mathematischen Ungenauigkeit wird eine Überweisung nicht verifiziert. Für diesen Vorgang ist viel Rechenleistung nötig.

Das System ist so komplex, dass es für Laien kaum zu verstehen ist. Doch der Quellcode der Bitcoin-Software liegt offen. Seit zwei Jahren versuchen kluge Menschen, die so etwas als Sport betreiben, eine Lücke in diesem System der Geldschöpfung zu entdecken. Bis jetzt haben sie nichts gefunden.

Moleculars Balkon-Rechner ist einer von vermutlich Tausenden, die durch ihre ständige Arbeit garantieren, dass alles mit rechten Dingen zugeht – und dass regelmäßig neue, mühsam errechnete Bitcoins ins System fließen. Wer mitrechnet, wird regelmäßig belohnt – mit neuen Bitcoins, die dabei entstehen.

Hunderte Websites widmen sich inzwischen dem Thema, es gibt Bitcoin-Blogs, Mining-Ratgeber, Tauschbörsen, Diskussionsforen, Wikis, Statistik- und Marktseiten. Das Hackergeld sei “das gefährlichste Projekt, das wir je gesehen haben”, befand kürzlich der Internetunternehmer und Journalist Jason Calacanis. Die Netzwerk-Währung könne “Regierungen stürzen, Wirtschaftssysteme destabilisieren und unkontrollierte globale Märkte für gestohlene Waren erschaffen”.

Tausende Menschen rund um den Globus gehen schon mit der Rechnerwährung um, der Wert der digitalen Münzen steigt derzeit rapide. Noch Mitte 2010 lag der Kurs bei einer Bitcoin zu 20 oder 30 US-Cents, zu Anfang des Jahres noch weit niedriger. Am Freitag pendelte er schon um acht Dollar pro Bitcoin. Wer letztes Jahr eingestiegen ist und jetzt verkauft, hätte seine Einlage mindestens verzwanzigfacht. Aber ist das Ganze mehr als ein kompliziertes Schneeballsystem?

Das Netzwerk rechnet, prüft, verifiziert – und zahlt aus

Der PC auf dem Balkon von Molecular hat sich in wenigen Monaten nicht nur amortisiert – er hat seinem Besitzer und Schöpfer auch eine hübsche Summe eingebracht. Allerdings vorläufig keine Euros oder Dollar, umgetauscht hat Molecular noch nichts. Seine ersten Bitcoins hatte er noch gekauft: “Ich hatte ein paar US-Dollarscheine übrig, die habe ich in einem Briefumschlag nach Kanada geschickt und tatsächlich Bitcoins dafür bekommen.” Jetzt aber gehört er zu den Geldschürfern, die das System am Laufen halten.

Ein einzelner Mann mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto hat mit einem nur für Fachleute wirklich verständlichen Grundsatzpapier im Duktus eines wissenschaftlichen Artikels die Basis für das System gelegt. Das war 2009. Mittlerweile wird das Projekt von einer ganzen Gruppe von Open-Source-Entwicklern gemeinsam weiterbetrieben. Schon jetzt lassen sich manche Softwareentwickler zumindest teilweise in Bitcoins bezahlen – Molecular hat vor einiger Zeit schon einmal 250 Stück für einen Tag freiberufliche Arbeit an einer Porno-Website bekommen, damals eine lächerliche Summe. Heute wäre sie 2000 Dollar wert.

“Offensichtliche Probleme kann ich nicht erkennen”

Die digitale Währung soll eine Art WikiLeaks des Geldes werden, eine neue, dezentral organisierte Möglichkeit für internationale oder auch lokale Finanztransfers schaffen. Keine Margen mehr für die Kreditkartenunternehmen oder für Dienste wie PayPal – und keine Einflussmöglichkeiten durch Banken und staatliche Stellen. Völlig abwegig sei das nicht, findet der Währungsfachmann Gerhard Rösl. Da bei der Konzeption von Bitcoin offenbar darauf geachtet worden sei, dass die Wechselkurse sowohl im Hinblick auf andere Währungen als auch im Hinblick auf zu bezahlende Leistung flexibel seien, “könnte das stabil sein”, sagt der Professor von der Hochschule Regensburg. “Offensichtliche Probleme kann ich nicht erkennen.”

Dass Bitcoins eben errechnet werden und nicht durch irgendwelche Sachwerte gedeckt sind, sei unproblematisch, denn das gelte heute für jede Währung: “Wert ergibt sich nicht aus einer etwaigen Deckung, sondern aus dem Vertrauen, dass das Geld von anderen akzeptiert wird.” Der juristische Status eines solchen Zahlungsmittels, sagt Rösl, sei derzeit völlig unklar. Es spiele jedenfalls in einer “ganz anderen Liga” als Regionalwährungen wie der “Urstromtaler” in Sachsen-Anhalt oder der bayerische “Chiemgauer”. Denn die sind in der Regel an den Euro gekoppelt und damit kaum mehr als eine Art folkloristische Alternativwährung.

Ein normaler PC ist zum Mining” kaum zu gebrauchen

Zwei Ereignisse gelten vielen Bitcoin-Fans als entscheidende Hinweise, wie notwendig so eine freie Internetwährung sei: Die Bankenkrise und die Tatsache, dass MasterCard, Visa, PayPal und andere versuchten, der Enthüllungsplattform WikiLeaks den Geldhahn zuzudrehen – offenbar auf Betreiben von US-Politkern. Er interessiere sich schon seit über zehn Jahren für digitale Alternativwährungen, erklärt Molecular seine Faszination für das Projekt. Als er zum ersten Mal auf Bitcoin gestoßen sei, sei seine Reaktion gewesen: “Welches Genie hat das denn erfunden?” Er sagt aber auch: “Sollte das ganze irgendwann zusammenkrachen, wird es, aus Versehen, ein Schneeballsystem gewesen sein.”

Man kann längst eigens konstruierte Mining Rigs kaufen oder mieten, Computer mit mehreren fürs Geld-Errechnen besonders gut geeigneten Grafikkarten an Bord. Allerdings wird das Geldmachen ständig schwieriger: Je größer die summierte Rechenleistung der ans Netzwerk angeschlossenen Mining-Rechner, desto unwahrscheinlicher wird es, dass jemand tatsächlich einen neuen Satz Bitcoins errechnet. Schon jetzt dürfte es deutlich preiswerter sein, Bitcoins zu kaufen als auszurechnen, wenn man die nötige Hardware noch nicht besitzt. Ein normaler PC ist dazu kaum zu gebrauchen.

In regelmäßigen Schritten wird zudem die Auszahlungsmenge reduziert: Im Moment gibt es 50 Stück pro “Block”, pro abgeschlossener Recheneinheit. Dieser Wert wird, ganz automatisch, etwa alle vier Jahre halbiert. Bei einer bestimmten Obergrenze ist dann Schluss. Die dürfte in etwa im Jahr 2034 erreicht sein, danach wird Mining kaum noch neue Bitcoins abwerfen. Die ganzzahlige Gesamtmenge soll dann bei etwa 21 Millionen liegen. Damit die für das komplizierte System unbedingt notwendigen Mining-Rechner danach weiterlaufen, wird Minern für jeden Block schon jetzt eine Gebühr bezahlt, die weiter steigen soll.

“Technisch wasserdicht”

Läuft alles so wie geplant, wird es nach dem Ende des digitalen Goldrausches eine Deflation geben – jede Münze wird weiter im Wert steigen. Was nichts ausmacht, denn Bitcoins lassen sich derzeit bis auf die achte Nachkommastelle zerteilen. Wenn das nicht reicht, können die Entwickler der Netzwerk-Software diese Stelle noch weiter nach hinten schieben.

Die mit dem Projekt vertrauten Hacker und Software-Entwickler sind von der Sicherheit des Systems überzeugt, gegen Hack- und Fälschungsattacken scheint es bislang gefeit. “Im Grunde”, erklärt Molecular, “ist es eine riesige Transaktionsdatenbank, wie eine Buchhaltung.” Nur dass die eben über Tausende Rechner verteilt ist. Er sei “fast hundertprozentig überzeugt, dass das technisch wasserdicht ist”. Allerdings muss man sicherstellen, dass man seine Bitcoins nicht bei einem Festplattencrash verliert.

Würde die neue Währung tatsächlich weithin akzeptiert, hätte das unter Umständen gravierende Folgen: Plötzlich könnte Geld rund um den Globus verschoben werden, mit einigen wenigen Mausklicks, und zwar völlig anonym, fast kostenlos und nicht nachverfolgbar. Mit Bitcoins ließen sich natürlich auch illegale Güter und Dienstleistungen bezahlen, für Terrorfinanziers und Terroristen wäre die Krypto-Währung ein Segen, genau wie für Drogenhändler.

Das sei für ihn “der Wermutstropfen”, sagt Molecular, “die Kehrseite der Medaille”. Aber wer eine wirklich freie Währung wolle, müsse das in Kauf nehmen. Volkswirtschaftler Rösl betrachtet das Missbrauchspotential nicht als Problem: Auch Bargeld erlaube anonyme Zahlungsvorgänge, “und nicht jeder, der mit Bargeld bezahlt, ist ein Verbrecher”. Nicht alle sehen das so: PayPal etwa hat einen Bitcoin-Händler schon ausgesperrt.

Strafverfolger und Geheimdienste weltweit dürften sich bald brennend für die neue Währung interessieren. Gavin Andresen, derzeit Kopf des freiwilligen Bitcoin-Entwicklerteams, verkündete kürzlich in einem Forum, er werde Mitte Juni einen Vortrag bei einer Konferenz im CIA-Hauptquartier halten. Er sage das so offen, so Andresen, weil “so etwas sonst Verschwörungstheorien Vorschub leisten könnte”.

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,765382,00.html

Alternative:

PaysafeCard

Anmerkung: Das sog. “Hacker-Geld” ist eine alternative zu den herkömmlichen Zahlungsdiensten. Spätestens seit Wikileaks und die Sperrverfügung zu Konten von Paypal und Co. MUSS es zwangsläufig ein neues System geben, dass auch  in der elektronischen Datenverarbeitung nicht mehr möglich ist, Konten willkürlich zu sperren. Durch diesen Mechanismus verlieren die Staaten und Regierungen die Kontrolle über die Verfügung – so sollte es auch sein. Die Regierungen kommentieren damit, sie wollen lediglich den Schutz des Urheberrechts und anderer Organisationen wahren bzw. durch einen uneingeschränkten Zugriff auf Personen oder Organisation nach belieben sperren zu können. Paypal tut das gerade intensiv bei Spendenkonten. Die Etablierung solcher Mechanismen kann und wird auf private Bürgerinnen und Bürger ausgeweitet. Deshalb empfehle ich jedem, sich nach alternativen umzuschauen. Jedes Mitglied das z.B, Paypal und Co. verlässt, schwächt somit das Unternehmen und zwingt diesen entweder sich den Gegebenheiten anzupassen oder  sich ein anderes Feld zu suchen. Sicher mögen wir es alle bequem und komfortabel über das Internet, Zahlungen durchzuführen, aber bitte die Kontrolle über die eigenen Mittel sollten wir selbst haben. Die Aufgabe eines Finanzunternehmens im Internet sollte die Sicherungen der Kundenkonten und den uneingeschränkten Transfer von Geldbewegungen garantieren, nicht mehr und nicht weniger. Kauft nur dort ein wo eure Lieblingszahlungsmittel verfügbar sind, sind sie es nicht, kann man den betreffenden Unternehmen eine Mail schreiben. Je mehr solcher Mails eintreffen, desto wahrscheinlich wird das Unternehmen bestimmte Zahlungsmittel in ihr Programm aufnehmen.-sem

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