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Politik

Julian Assange und die Computerverschwörung: “diese unsichtbare Regierung zu Fall zu bringen”


Dieser Text ist eine Übersetzung aus dem Amerikanischen von Aaron Badys Beitrag zu Wikileaks vom 29. November 2010. Weitere Analysen zu Wikileaks finden sich in seinem Blog.

Um das Verhalten von Regimen radikal zu ändern, müssen wir klare und gewagte Gedanken fassen, denn wenn wir irgendwas gelernt haben, dann dass Regierungen sich nicht ändern lassen wollen. Wir müssen über diejenigen hinausdenken, die uns vorausgegangen sind und ausschauen nach technologischen Veränderungen, die uns Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die unsere Vorfahren nicht hatten. Dazu müssen wir erstens verstehen, welchen Aspekt des Regierens oder des neokorporatistischen Verhaltens wir ändern oder ausschalten wollen. Zweitens müssen wir neue Arten des Nachdenkens über solches Verhalten entwickeln, die belastbar genug sind, um uns durch den Sumpf politisch verzerrter Sprache hindurch zu einer klaren Position zu bringen. Schließlich müssen wir diese Einsichten nutzen, um in uns und anderen eine effektive Handlungsweise hervorzurufen.

—Julian Assange, “Staatliche und terroristische Verschwörungen”

Der Text, den dieses Zitat einleitet, ist intellektuell anspruchsvoll, aber nicht schwer zu lesen. Du könntest ihn dir also genauso gut auch selber anschauen. Die breite Masse der Medien scheint angesichts Wikileaks ganz verrückt zu werden, ohne jedoch diese Aufsätze gelesen zu haben, obgleich sie die Funktion und Zielsetzung einer Organisation wie Wikileaks recht eindeutig erklären. Um es zusammenzufassen: Assange fängt damit an, einen Staat wie die Vereinigen Staaten also eine im Grunde autoritäre Verschwörung darzustellen, dann schließt er, dass die praktischste Strategie, gegen eine derartige Verschwörung vorzugehen ist, ihre Fähigkeit zum verschwörerischen Handeln und Denken zu erodieren.

Die Metapher des Computernetzwerkes ist implizit, aber entscheidend. Er nimmt sich vor sich der Staatsgewalt zu widersetzen indem er Sand in ihre Dioden schmeißt.

Zu Beginn postuliert er, dass Autoritarismus und Verschwörung Hand in Hand gehen, da Autoritarismus — sofern er also solcher bekannt wird — Widerstand generiert, folglich nur fortbestehen und weiterlaufen kann, wenn seine Absichten (die Autorenschaft seiner Autorität?) nicht allgemein bekannt werden. Unweigerlich läuft es auf Verschwörung hinaus:

Autoritäre Regime rufen Kräfte des Widerstands hervor, da sie sich gegen den individuellen und kollektiven Willen zur Freiheit, Wahrheit und Selbstverwirklichung richten. Sofern sie entdeckt werden, rufen Pläne die der autoritären Herrschaft dienlich sind Widerstand hervor, also werden solche Pläne durch autoritäre Mächte verdeckt. Das ist ausreichend, um ihr Verhalten als verschwörerisch zu definieren.

Das führt zu Organisationsproblemen, die die Regierungsverschwörung lösen muss. Wenn die Verschwörung verdeckt operieren muss, wie kann sie dann Kommunizieren, Entscheidungen treffen, Disziplin durchsetzen, und Organisationswandel angesichts neuer Herausforderungen bewältigen? Die Antwort: sie muss Informationsflüsse kontrollieren. Denn wenn die Organisation Ziele setzt, die zur Sprache gebracht werden können, führt deren öffentliche Aussprache zu Widerständen. Bringt die Organisation diese Ziele jedoch nicht für sich selber zur Sprache, so entzieht sie sich der Möglichkeit die Ziele zu bearbeiten und herbeizuführen. Die autoritäre Verschwörung braucht also das Mittelmaß um die richtige Balance von Autorität und Verschwörung zu erreichen.

Sein Verschwörungsmodell ist also weit entfernt von dem Klischee das Leute meinen, wenn sie jemanden als “Verschwörungstheoretiker” bespotten, schließlich sind die meisten “Verschwörungen” reine Ausgeburten der Phantasie. Da die “Weisen von Zion” oder James Bonds SPECTRE nie existiert haben, wird deren Nichtexistenz zu einer Keule gegen alle, die sich des Verschwörungsbegriffs bedienen. Für Assange ist eine Verschwörung jedoch etwas relativ Banales. Es handelt sich einfach um ein Netzwerk von Teilhabern, die im Bunde handeln indem sie ihre Gemeinschaft Außenseitern gegenüber verbergen, eine Autorität die verhindert, dass ihre Handlungsweisen sichtbar genug werden um Widerstand zu erregen. Es kann sich hierbei um etwas dramatisches Handeln, wie etwa eine lose Koalition Verschworener, die auf einen Krieg gegen den Irak oder Iran hinarbeiten, oder um die banalen, alltäglichen Täuschungsmanöver einer diplomatischen Behörde.

Als Illustration für sein Modell beschreibt Assange ein Nagelbrett dessen Nägel mit Kordel verbunden sind:

Nehme erst einige Nägel (“Verschworene”) und hämmere sie an beliebiger Stelle in das Brett. Nehme dann die Kordel (“Kommunikation”) und wickele sie von Nagel zu Nagel ohne dass sie reißt. Nenne die Kordel die zwei Nägel verbindet eine Verknüpfung [link]. Ununterbrochene Kordel heißt, dass man von jedem Nagel zum jedem anderen reisen kann, indem man an der Kordel und dazwischen liegenden Nägeln entlang fährt. … Informationen fließen von Verschwörer zu Verschwörer. Nicht jeder Verschwörer traut jedem anderen oder ist mit ihnen bekannt, obwohl sie alle miteinander verbunden sind. Einige befinden sich am Rande der Verschwörung, andere sind mittendrin und kommunizieren mit vielen Mitverschworenen, wieder andere kennen vielleicht nur zwei Verschwörer, bilden aber eine Brücke zwischen zwei wichtigen Sektionen oder Untergruppierungen der Verschwörung …

Verschworene sind oft scharfsinnig, da einige einander vertrauen und auf einander angewiesen sind, während andere wenig sagen. Wichtige Informationen fließen oft durch einige Verknüpfungen, triviale Informationen durch andere. Wir erweitern also unser einfaches Diagramm um die “Wichtigkeit” der Verknüpfungen.

Kehren wir zu unserer Nagelbrettanalogie zurück. Stelle dir vor, zwischen einigen Nägeln gäbe es eine dicke Kordel, zwischen anderen nur einen dünnen Faden. Nennen wir die Wichtigkeit oder Dicke der Verknüpfung ihr Gewicht. Zwischen Verschworenen die nie miteinander reden ist das Gewicht null. Es ist schwierig die Wichtigkeit der Kommunikation in einer Verknüpfung a priori zu ermessen, da ihr wahrer Wert von dem Ausgang der Verschwörung abhängt. Wir sagen einfach, dass die Wichtigkeit einer Kommunikation auf die offensichtlichste Weise zum Gewicht einer Verknüpfung beiträgt. Das Gewicht einer Verknüpfung ist proportional zur Menge wichtiger Kommunikation die durch sie fließt. Was Verschwörungen im Allgemeinen angeht ist das Gewicht der Verknüpfungen nicht erheblich, da es von Verschwörung zu Verschwörung unterschiedlich ist.

Für ein solches Netzwerk besteht weder ein Organigramm noch eine einfache, umfassende Karte, da das nur seinen Zerfall beschleunigen würde. Vermutlich ist es recht kopflos, was selbstverständlich erscheint, denn hätte es einen einzigen Kopf (oder ein Zentralhirn, das die Organisation als ganze überblicken könnte) wäre jeder Verschworene nur einen Schritt vom Boss und nur zwei Schritte von jedem anderen Teilhaber der Verschwörung entfernt. In anderen Worten: ein gewisses Maß an Zentralisierung ist notwendig (sonst gäbe es gar keine Verschwörung), aber zu viel Zentralisierung macht das System zu anfällig.

Nehmen wir die Fernsehsendung The Wire als Beispiel. Stell dir vor, Avon Barksdale stünde in direktem Kontakt mit Bodie. Du müsstest immer nur eine Person — egal welche — für deine Seite gewinnen und wärest dann nur einen Schritt vom Boss entfernt, dessen direkte Verbindung mit allen anderen in der Verschwörung dir erlauben würde, alle auf einmal einzukerkern. Keine effektive Verschwörung könnte lange so funktionieren. Erinnerst du dich an Stringer Bells Frage: “Führst du Protokoll bei einer verfickten kriminellen Verschwörung?” Um effektiv funktionieren zu können, muss die Hauptautorität von allen anderen Teilhabenden abrücken, muss mehrere vermittelnde Schichten aufbauen, die so undurchsichtig wie möglich sind. Unterlagen führen hier nur zu unerwünschter Transparenz. Die Komplexität der Verknüpfungen schützt zwar die steuernde Autorität vor Belastungen, aber sie beschränkt auch Avon Barksdales Steuerungsfähigkeit in seinem Umfeld. Geschäfte benötigen nun mal Papierkram. Je mehr Schutzwälle um die steuernde Autorität errichtet werden, umso weniger kann sie ihren Stellvertretern trauen, und umso weniger benötigen (oder dulden) die Stellvertreter die Zentralautorität.

Aus diesem Grund kann ein Feature in einen Bug verwandelt werden. Diese Einsicht erscheint mir zugleich als einfach und sehr verlockend: zwar ist eine Organisation mit direkten und offenen Kommunikationskanälen anfälliger für Eindringlinge, aber eine Organisation die sich selbst — zum Schutz vor Einblicken von Außenstehenden — undurchsicht wird, kann weniger als System “denken”, weniger mit sich selbst kommunizieren. Je verschwörerischer die Organisation wird, umso weniger kann sie als Verschwörung funktionieren. Je mehr sich das Netzwerk gegenüber Eindringlingen verschließt, umso weniger kann es sich auf Außenliegendes einlassen (wahres Hacker-Theoretisieren).

Sein Gedankengang ist gar nicht so abstrakt wie diese Ausführungen. Er merkt an, dass er das Funktionieren des amerikanischen Staates analog zu erfolgreichen Terrororganisationen versteht. Wenn du z. B. schonmal Die Schlacht um Algiers gesehen hast, dann denke daran, wie die französischen Anti-Terror-Einheiten an einem Diagramm der algerischen Widerstandsorganisation arbeiten. Da sie über überwältigende militärische Übermacht verfügten, war die Unfähigkeit die FLN auszumerzen allein dem Umstand verschuldet, dass sie sie nicht finden konnten — eine Schwäche, die die FLN strategisch für sich nutzt, indem sie sich selbst dezentralisiert. Eine abgetrennte Tentakel tötet die Krake nicht. Die FLN begriff, dass das System solange weiterlaufen würde, wie genügend Tentakeln intakt blieben. Die Verknüpfungen waren der wunde Punkt des Systems als ganzen, folglich wurden diese am behutsamsten beschützt und am aggresivsten von den französischen Streitkräften verfolgt. Die Franzosen gewannen am Ende zwar die Schlacht von Algiers, aber sie verloren den Krieg, da sie folgende Taktiken übernahmen, die Assange kurz erwähnt aber nicht befürwortet:

Wie kann man die Handlungsfähigkeit einer Verschwörung reduzieren? … Wir können die Verschwörung teilen, schmälern oder wichtige Kommunikationskanäle zwischen einigen wenigen gewichtigen oder vielen minder gewichtigen Verknüpfungen stören. Herkömmliche Angriffe auf verschwörerische Machtgruppierungen, z. B. Attentate, haben gewichtige Verknüpfungen durch Tötung, Entführung oder Erpressung oder durch die Ausgrenzung oder Isolation einzelner Verschworener mit denen sie verbunden waren ausgeschaltet.

Das ist die Anti-Terrorismus-Strategie der Vereinigten Staaten — findet die Verantwortlichen und macht sie platt! — aber das ist nicht was Assange will. Ein solches Vorgehen nimmt sich eine konkrete Ausprägung der Verschwörung vor und versucht sie in der Form zu zerstören, in der sie bereits existiert. Dies hat seiner Argumentation zufolge zwei entscheidende Schwächen. Zum einen hat eine Verschwörung, die bereits eine angreifbare Form angenommen hat, eine hochentwickelte Funktionsfähigkeit. Er schreibt dazu:

Ein Mann in Ketten weiß, dass er früher hätte handeln müssen, da er die Staatsgewalt fast nicht mehr beeinflussen kann. Um mit mächtigen verschwörerische Handlungen umzugehen, müssen wir vorausdenken und den Prozess, der die Handlungen hervorruft, angreifen, da wir mit den Handlungen selber nicht fertig werden können.

In anderen Worten: wenn Krebs metastasiert können wir mit Antioxidantien nichts mehr erreichen, und selbst aggresive Chemotherapie ist schwierig. Es ist also besser, man versteht wie Verschwörungen entstehen, um ihre Bildung von vornherein zu verhindern (ebenso wie man, isoliert man das Karzinogen früh genug, einen Tumor gar nicht entfernen muss). Stattdessen will er den negativen Prozess als solchen angehen und das Prinzip seiner Fortpflanzung aushebeln. Das heißt, statt spezifische Verknüpfungen zwischen Verschworenen aufzudecken und zu kappen — was wenig dazu beiträgt, dass sich zukünftig keine neuen Verknüpfungen bilden und das Funktionieren des Gesamtsystems nicht sonderlich stört — will er die “Gesamtverschwörungsmacht” [total conspiratorial power] des Systems angreifen, indem er herausfindet wie er dessen Fähigkeit intern Informationen auszutauschen reduziert und so schlussendlich die Rechenleistung vermindert. Er drückt das so aus:

Verschwörungen sind kognitive Apparate. Sie sind in der Lage mehr zu Leisten [outthink] als die Mitglieder der Gruppe alleine könnten. Verschwörungen nehmen Informationen über die Welt in der sie operieren auf (das Verschwörungsumfeld), leiten diese durch die Verschworenen, und Handeln dann gemäß dem Resultat. Wir können Verschwörungen als Apparate ansehen, die über Inputs (Informationen über das Umfeld), ein Rechennetzwerk (die Verschworenen und deren Verknüpfungen) und Outputs (Handlungen die das Umfeld instandhalten oder verändern) verfügen.

Da er Verschwörungen als Rechennetzwerke konzipiert, bemerkt er nebenbei, dass man ihre kongitive Fähigkeiten schwächen kann, indem man die Informationsqualität vermindert:

Da eine Verschwörung eine Art kognitiver Apparat ist der auf Grund von Informationen aus seinem Umfeld agiert, könnte die Verzerrung oder Verminderung dieser Inputs zu Fehlhandlungen führen. Bei Programmierern nennt sich dieser Effekt “garbage in, garbage out”. In der Regel funktioniert dieser Effekt jedoch umgekehrt: die Verschwörung verbreitet Täuschungen oder schränkt Informationen ein. In den Vereinigten Staaten heißt der Programmiereraphorismus daher manchmal “Fox-News-Effekt”.

Ich bin mir nicht ganz sicher was das heißt, aber es ist lohnenswert festzustellen, dass die Fähigkeit der Verschwörung, andere mit Propaghanda zu täuschen, auch dazu führen kann, dass die Verschwörung sich selbst mit ihrer eigenen Propaghanda täuscht. Viele trinken einfach wirklich den Gifttrunk. Wären unsere Superspione in Afghanistan jemals derart vom falschen Taliban-Unterhändler eingenommen gewesen, wenn sie nicht wirklich ihre eigene Propaghanda geglaubt hätten, wenn sie sich nicht selber — wenn auch nur vorrübergehend — davon überzeugt hätten, dass wir wirklich den Krieg gegen Talibothra gewinnen? Das gleiche gilt für die Massenvernichtungswaffen: obwohl niemand, der die Fakten kennt, rational zu der Überzeugung hätte gelangen dürfen, dass Saddam Hussein damals (oder der Iran heute) wirklich solche Arsenale anstrebt, heißt das noch lange nicht, dass diejenigen, die von tickenden Zeitbomben sprechen, nicht von Mal zu Mal das Ticken hören. Das heißt lediglich, dass sie aufgrund schlechter Informationen operieren. Manchmal begünstigt das die Verschwörung, manchmal nicht. Wenn Obama glaubt, dass er den Krieg im Afghanistan gewinnen kann, könnte das das Ende seiner Präsidentschaft bedeuten. Der Glaube in seinem Beraterstab, die Wirtschaft könne durch die Rettung einiger Banken wieder auf Vordermann gebracht werden, hat ihm mit ziemlicher Sicherheit die Wahlen diesen November gekostet (und hat auch für viele der Blue-Dog-Demokraten, die diese Politiken unterstützt haben, die Glocken läuten lassen). Ob das der Verschwörung wirklich schadet ist nicht klar. Diese Blue Dogs mögen ihre Sitze verloren haben, aber die meisten von ihnen werden sich vom öffentlichen Dienst in bequeme Jobs in den Wirtschaftsbereichen zurückziehen, denen sie im Amt Gunst erwiesen haben. Und viele erfolgreiche Politiker scheitern fast andauernd.

Assange bricht seinen Gedankengang aber an dieser Stelle noch nicht ab. Stattdessen beschließt er, dass der effektivste Angriff auf eine derartige Organisation darin besteht, regelmäßige “leaks” zum Teil des Umfelds zu machen. Daraus folgt, dass es nicht darum geht einzelne, besonders effektive leaks zu veröffentlichen. Bei der Veröffentlichung des Collateral-Murder-Videos ging es nicht darum eine bestimmte Militärtaktik zu beenden — das wäre wiederum ein Schlag gegen eine Tentakel während anderswo zwei weitere wachsen. Nein, der Gedanke ist, dass erhöhte Durchlässigkeit des Informationssystems die Funktion der Verschwörung einschränkt, dass die Verschwörung sich gegen sich selbst wendet und beim Versuch, ihre Informationsflüsse rigorös zu kontrollieren, ihre eigene kongitive Fähigkeit behindert. In anderen Worten zerstört man die Verschwörung dadurch, dass man sie derart paranoid sich selbst gegenüber macht, dass sie nicht mehr verschwörerisch sein kann:

Je geheimnisvoller und ungerechter eine Organisation ist, desto mehr Ängste und Verfolgungswahn rufen die leaks in ihrer Führung und ihrem Planungszirkel hervor. Das führt zwangsmäßig zur Minimierung effizienter Mechanismen der Binnenkommunikation (einer erhöhten kognitive “Geheimnissteuer”) und folglich zu systemweitem kognitiven Verfall infolgedessen der Machterhalt schwieriger wird, da das Umfeld Anpassungen erforderlich macht. Daraus folgt, dass in einer Welt, in der leaks einfach sind, geheimnistuerische oder ungerechte Systeme auf nicht-lineare weise betroffen sind im vergleich zu offenen, gerechten Systemen. Ungerechte Systeme, die ihrer Natur nach Feinde generieren und oftmals kaum am längeren Hebel sitzen, sind im Falle großer leaks außerordentlich verletzlich denjenigen gegenüber, die sie durch offenerer Regierungsformen ersetzen wollen.

In diesem Sinne hat während der letzten Runde von leaks die Mehrzahl der Medienkommentatoren das Wesentliche nicht begriffen. Warum überhaupt diplomatische Depeschen — in denen es ja nicht um die Kriege geht — veröffentlichen? Die meisten scheinen einfach alltägliche normale Geheimnisse zu enthalten, die jeder Sicherheitsstaat denen vorenthält, die nicht zu den paar hunderttausend gehören, die für unbedenklich gehalten werden. Und darum geht es. Assange hat vollkommen recht, dass unsere Regierung verschwörerische Funktionen ausübt. Wie sonst soll man das nennen, wenn ein kleiner Prozentsatz der Regierungsklasse in unser aller Namen auf der Basis von Informationen handelt, zu denen sie freien Zugang haben, die aber dem Wahlvolk vorenthalten werden? Wir wussten wahrscheinlich ohnehin alle, dass das der Fall ist. Wer in Anbetracht der Tatsache, dass unsere Botschaften regelmäßig schmutzige, geheime und hinterhältige politische Arbeit erledigen, überrascht war, ist naiv. Aber es geht Assange nicht darum, einen journalistischen Skandal zu produzieren, in Anbetracht dessen dann die Regierung, erröteten Gesichts, Reformen durchsetzen muss — gerade weil niemand wirklich dadurch aufgebracht wird. Er versucht die Verknüpfungen, die Verschwörung ermöglichen, zu erdrosseln, und die notwendige Durchlässigkeit des Verschwörungsnetzwerks im Herzen des amerikanischen Staates offenzulegen in der Hoffnung, dass der Sicherheitsstaat daraufhin sein Rechennetzwerk verkleinern muss und sich so dümmer und langsamer schrumpft.

Frühe Reaktionen lassen teilweise darauf schließen, dass Wikileaks einige dieser Ziele erreicht. Simon Jenkins schreibt in seinem sonst auch lesenswerten Artikel: “Die leaks haben ein Loch in das System gerissen, mit dem Staaten ihre Geheimnisse schützen.” Sollten die Diplomaten, die Le Monde zitiert, Recht behalten, dass “wir nie wieder in der Lage sein werden, Diplomatie so auszuüben wie zuvor”, dann ist das genau was Wikileaks will. Es ist irgendwie erbärmlich zu hören, wie Diplomaten und die Regierung lamentieren ob der zukünftigen Unmöglichkeit “diplomatischer” Arbeit, als würde ein Kerl im Boxring sich beklagen, dass die Schläge seines Gegners es ihm erschweren zurückzuschlagen. Die Armen! Wenn Assange recht hat mit seinem Kommentar, seine Organisation habe mehr zur Kontrolle des Staates beigetragen als die gesamte sonstige Journalistenzunft zusammengenommen, so lenkt er doch ab von der Hauptsache. Denn selbst wenn Wikileaks einiges davon leistet, was sonst Journalisten leisten, so tun sie doch auch einige ganz andere Dinge. In seiner Einleitung sagt Assange das ganz klar: sein Kerngeschäft ist die “radikale Änderung des Verhaltens von Regimen”.

[ … ]

Laut seinem Aufsatz geht es Julian Assange auch um etwas ganz anderes [als den Muckraker der progressive era]. Im Grunde wissen wir alle, dass der amerikanische Staat — wie alle Staaten — im Grunde ständig eine Menge im Grunde zwielichtiger Dinge tut. Einzelne Details dazu aufzudecken wird nicht inhärent zu Gutem führen. Manchmal kann es sogar schlecht sein, und manchmal wird das vorläufig Gute nur kein großes Ausmaß haben. Für den ethischen Menschen — und Assange hebt seine Ethik stets hervor — muss die Frage stets lauten: Was erreichen die aufgedeckten Geheimnisse? Führen sie zu etwas gutem? Werden sie die Verhältnisse verbessern? Ob du seiner Argumentation folgst oder nicht, Assange hat eine klar ausformulierte Vision davon, wie die Aktivitäten von Wikileaks “uns durch den Sumpf politisch verzerrter Sprache hindurch zu einer klaren Position bringen”, und eine Strategie dafür, wie das Aufdecken von Geheimnissen die Produktion weiterer Geheimnisse verhindert. Der Zweck von Wikileaks — gemäß Assanges Argumentation — ist es, Wikileaks überflüssig zu machen.

Übernommen von: http://axyl.us/post/2079481891/julian-assange-und-die-computerverschworung-diese

 

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