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Netzwelt

Der Chaos Computer Club und die Datenautobahnen


CCC Logo

Image via Wikipedia

“Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von Übermorgen. Es gibt keine Kupferkabel mehr. Es gibt nur noch Glasfaser und Terminals in jedem Raum. Man siedelt auf fernen Rechnern. Die Mailboxen sind als Wohnraum erschlossen. Mit heute noch unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Computer­Clubs unser Datenverbundsystem. Einer dieser Computer Clubs ist der Chaos Computer Club – gigantischer Teil eines winzigen Sicherheitssystems, das die Erde vor der Bedrohung durch den Gilb schützen soll. Begleiten wir den CCC und seine Mitglieder bei ihrem Patrouillendienst am Rande der Unkenntlichkeit.”

Aus der Ankündigung des Chaos Communication Congress 1984:

Der Chaos Computer Club, gegründet 1981, seit 1984 Herausgeber der Zeitschrift “Datenschleuder” dem wissenschaftlichen Fachblatt für Datenreisende) und Veranstalter des Chaos Communication Congress, etwa zur Zeit der Einführung des “2. Wirtschaftskriminalitätsgesetzes”, (1986) zum eingetragenen Verein mutiert, hat sich sehr früh bereits für grenzüberschreitende Informationsfreiheit, ein neues Menschenrecht auf weltweite ungehinderte Kommunikation und ähnliches in diesem Sinne eingesetzt.

Bei der in den frühen 80ern noch sehr jungen Datenfernübertragung mit Telefonmodems wurden schnell Erfahrungen mit den Telekommunikationsmonopolisten, zu Deutsch dem Gilb (der Post) und anderen, den freien Kommunikationsfluss behindernden Instanzen gewonnen, etwa unter dem Stichwort Gebühren. Nach verschiedenen Gesetzesnovellierungen im Jahre 1986 entschied man sich alternativ zur Möglichkeit des §129a, einen eingetragenen Verein zu gründen, um so rechtliche Fragen besser kanalisieren zu können und den CCC als eine Art Forum für die Hackerszene zu betreiben.

In diesem Sinne ist der CCC ein Vermittler zwischen Hackern, Systembetreibern, gesetzlichen Instanzen und vor allem der Öffentlichkeit, der die Beobachtungen und Ideen der Hackerszene vertritt.

Auf den jährlich zwischen Weihnachten und Neujahr stattfindenden Chaos Communication Congresse findet neben der Diskussion und Umsetzung inhaltlicher und technischer Gestaltung von Kommunikationssystemen eine intensive Auseinandersetzung mit rechtlichen Problemen, etwa der presserechtlichen Verantwortlichkeit einer Mailbox bzw. ihres Betreibers statt, mit der Formulierungen wie “Erbringer einer Telekommunikationsdienstleistung für andere” in ihrer Konsequenz beleuchtet werden.

“Per Anhalter durch die Netze” war das Motto des Chaos Communication Congress 1988, zeitgemäß wäre vielleicht “Trampen auf der Info Bahn”. Doch bei der jetzigen Diskussion um die Breitbandnetze stellen sich Hacker nicht nur die Frage nach der eigenen Rolle auf den zukünftigen Datenautobahnen, sondern auch und vor allem nach der inhaltlichen Gestaltung, geprägt durch rund 10 Jahre Erfahrungen mit diesem Medium. Genauso wie die Hacker die selbst aufgebauten und betriebenen Netze mit ihren Diskussionsforen, Newsgroups, Chat­Kanälen, dem verschlüsselten persönlichen Nachrichtenaustausch etc. bei der Einführung der allgemeinen und jeden Haushalt erreichenden Datennetze auf genau diesen Bereich ausdehnen und weiterentwickeln möchten, um IHRE Vision vom “globalen Dorf” zu verwirklichen, verstärken die konventionellen Medienproduzenten wohl ihre jetzigen Strukturen der kommerzialisierten, einseitigen Medien.

Denn – verglichen mit dem jetzigen Medium Internet als kommerzfreie Zone (keine Werbung, Finanzierung der Infrastruktur über die Nutzer bzw. Systembetreiber) – bietet, bedingt durch die Kommerzialisierung der Sender, ein Medium wie das Fernsehen etwa für einen Hacker wenig  authentische Information. Mit authentischer Information meine ich hierbei eine nicht zum Einwegprodukt geronnene und an Einschaltquoten orientierte, sondern z.B. eine aus der Beobachtung eines  x­beliebigen Subjekts resultierende, als persönlicher Eindruck formulierte Information,

die dadurch einen Wahrheitsgehalt hat, dass sie hinterfragt und kommentiert werden kann, kurz: eine interaktive Information.

So groß das Bemühen der Produzenten einer Nachrichtensendung beispielsweise sein mag: die schlichte und einseitige Übermittlung ist abstrakt. Im Fernsehen ist das World­Trade­Center so groß wie eine Packung Butterkekse, Kriegsbilder bewegen sich in der Dimension eines Haufens dreckigen Geschirrs, und  Filme über Umwelt Probleme erinnern an lange nicht gewaschene Scheiben. Hierdurch, und durch die Einseitigkeit dieses Mediums, wird beim Fernsehen nicht in erster Linie begriffen, sondern konsumiert.

Und ernährt damit einen ganzen Industriezweig, wenn nicht ein ganzes Wirtschaftssystem. Wenn Repräsentanten dieser Medien an Veranstaltungen wie der des WZB teilnehmen, und unter dem Stichwort “interaktives Fernsehen” beispielsweise neben der Buy­Taste an der Fernbedienung, die den Kauf des Produktes bei Betrachtung des Werbespots ermöglicht, gerade noch Video­ & Sex-on­Demand und ähnliche Dienstleistungen (Hackerspott: “Glasfaser bis in die Brieftaschen”) präsentieren, stößt das bei mir nicht nur auf Ablehnung wegen der Phantasielosigkeit sondern auch wegen der verpassten  Chancen des neuen Mediums.

Außerdem: wer übernimmt die Verantwortung für eine Gesellschaft, deren Mitglieder in standardisierten virtuellen Welten leben, in denen es so etwas wie “primäre kollektive Erfahrungen (“Erlebtes” statt “Imaginiertes”) vielleicht immer weniger gibt. Vermutlich wird es möglich sein, Weltkriege und allerlei Umweltprobleme zu verpassen , weil sie nicht mit dem persönlichen Interessensprofil kompatibel waren. Um jedoch eine Situation zu vermeiden, die einem mit der Meldung “Bitte neuen Planeten in Laufwerk A: einlegen und anschließend eine beliebige Taste drücken” begegnen könnte, bedarf es eines Abgleiches zwischen virtuellen und nicht virtuellen Realitäten.

Den Gestaltern und Interessierten an dieser Entwicklung seien aber nicht nur diese Bedenken, sondern vor allem die Auseinandersetzung mit den existierenden Computernetzwerken empfohlen. Abgesehen von Phantasieanregendem erhoffe ich mir dadurch mehr Respekt vor den “gewachsenen” Informationsstrukturen, deren Vielseitigkeit durch eine etwaige Kommerzialisierung bedroht wäre. Eine Entwicklung zu einer Gesellschaft, in der das elementare menschliche Bedürfnis nach Kommunikation durch Geldbarrieren beschnitten wird (Kommerzialisierung der Kommunikationswege), produziert nicht nur Verblödung und Gewaltbereitschaft, sondern ist auch zutiefst undemokratisch.

Dieser Text ist für die Broschüre des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) geschrieben, in der die Veranstaltungsteilnehmer etwas zu ihrer Position schreiben sollten. Andy M.­M. Hamburg/Berlin

 

Chaos Computer Club

Die Wurzeln des Chaos Computer Clubs reichen bis ins Jahr 1981 zurück. Am Tisch der Kommune 1 der Zeitung taz in Berlin trafen sich damals Hacker, selbstbezeichnete „Computerfreaks“. Sie hatten die Möglichkeiten der gerade aufkommenden elektronischen Datennetze erkannt und wollten diese einer kreativen Nutzung zuführen. Die Treffen führten schließlich zur Gründung des CCC.

Es bildeten sich von Beginn an zwei lokale Gruppen in Hamburg und Berlin heraus, deren Zahl auf inzwischen 17 sogenannte Erfakreise angewachsen ist. Im CCC haben inzwischen über 2.300 Mitglieder Spaß am Gerät.

Seit 1984 veranstaltet der CCC den jährlichen Chaos Communication Congress. Im selben Jahr erschien auch die erste Ausgabe der Datenschleuder, das Fachblatt für Datenreisende. Seit 1986 existiert der CCC als e. V., um infolge von Gesetzesänderungen nicht als terroristische Vereinigung zu gelten.

Durch öffentlichkeitswirksame Aktionen wie dem BTX-Hack, dem Projekt Blinkenlights, der Veröffentlichung von Wolfgang Schäubles Fingerabdruck und der Manipulation niederländischer Wahlcomputer hat sich der CCC einen Namen gemacht, soziale Auswirkungen technischer Entwicklungen anschaulich zu kommentieren. Die Expertise des Club ist deshalb gefragt: Vom Bundesverfassungsgericht über Datenschutzgremien bis zu Wirtschaftsforen und Juristenkonferenzen beteiligen sich die Experten an Gutachten, Stellungnahmen, Vorträgen und Demonstrationen.

Damit der Spaß am Gerät nicht zu kurz kommt, organisieren die Erfas eigenständige Vortragsreihen, Workshops, Konferenzen und Wettbewerbe.

 

Zum Schluss:

Dieser Text bezieht sich auf eine alte Ausgabe der „Datenschleuder“ zeigt jedoch dass das heutige Internet immer mehr zu kommerziellen Zwecken anstatt den Ausbau und Förderung von Lehre, Bildung und Information zu fördern, missbraucht wird. In der Entwicklung seitdem der oben genannte Text geschrieben wurde, hat sich inhaltlich nicht viel getan im Gegenteil: Durch Verweigerung von Informationen, Zugangssperren und Kriminalisierung der „surfenden“ Bevölkerung rücken wir immer weiter von dem Ziel ab, das Netz für uns „das Volk“ nutzen zu dürfen. Wirtschaftliche Aspekte gelten nicht mehr dem Wohl des einzelnen, sondern fokussieren sich mit immer raffinierteren, ausgeklügelten und schnelleren Wegen an das Geld eines jeden einzelnen zu kommen. Deshalb ist es unsere Aufgabe, den eingeschlagenen Weg wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, damit in Zukunft wieder der interaktive Genuss beim Fernsehen und in den Netzen nicht durch einen „Kauf mich“-Button, sondern durch Wissens- Lehr- und Bildungsportale, Informationen zu dem Zweck vermittelt werden, wofür sie bestimmt sind: Die Bildung unseres Geistes.

Herausgeber: Chaos Computer Club

sem

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