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Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft

BP: „Hier ist nichts mehr in Ordnung“


Empire. Ein Jahr nach der größten Ölkatastrophe in der Geschichte der USA kämpfen die Bewohner der Golfküste mit den Folgen: Öl in den Marschen, beschleunigte Erosion, Durcheinander bei der Entschädigung und großes Misstrauen gegen den Konzern BP.

Quelle: Osnabrücker Zeitung

Dreimal kurz nacheinander unterbrechen Schüsse die Stille der Marschen, die links und rechts der Mississippi-Mündung eine einzigartige Heimat für Seevögel, Austern, Shrimps und Krabben geschaffen haben. Ein Naturparadies am Südzipfel des US-Bundesstaates Louisiana, das schon vor dem Unglück der Deepwater Horizon am 20. April 2010 bedroht war. Die Zähmung des Stromes und der Kanäle, die zu den Ölfeldern vor der Küste führten, ließen die Sümpfe Stück für Stück im Golf von Mexiko verschwinden.

„Das Öl gibt uns nun den Rest“, klagt Darren Angelo, während er sein Sportfischer-Boot auf eine der Propangas-Kanonen zusteuert, die BP zwischen den ölverschmierten Halmen aufgestellt hat. Holzgestelle, an denen Zeitzünder regelmäßig Gas zur Explosion bringen. Der Lärm soll Pelikane, Reiher und eine Vielzahl gefährdeter Vögel verjagen, die hier ihre Nistplätze hatten.

„Erst wird das Gras braun, dann sterben die Wurzeln, schließlich gibt es nichts mehr, das die Erosion aufhalten kann“, beschreibt Darren, wie das eingedrungene Öl das Ökosystem unwiederbringbar zerstört. Nach Schule und College spezialisierte er sich auf den weltweiten Transport von Gefahrgütern. Ein einträgliches Geschäft, das er nach 15 Jahren Dauerstress verkaufte. Darren investierte in den von Hurrikan Katrina zerstörten Jachthafen von Empire und hoffte, sein Hobby der Sportfischerei zum Beruf machen zu können.

Mehr als eine volle Saison war ihm nicht vergönnt. Dann kam das Öl. Jetzt zeigt Angelo Interessierten, wie es ein Jahr nach dem Desaster vor Ort wirklich aussieht. Die Fahrt durch das verschlungene Netz an Kanälen, Durchfahrten und offenen Gewässern in die westlich gelegene Jimmy Bay dauert fast eine Stunde. „Hier ist nichts mehr in Ordnung“, widerspricht Angelo dem britischen Öl-Multi, der die Reinigungsarbeiten eingestellt hat.

Wer die Marschen in der Jimmy Bay in Augenschein nimmt, kann den Ärger der Einheimischen verstehen. Es riecht nach Öl. Und überall ist es zu sehen, vermischt mit Schlamm, als dünner Film auf dem Wasser und am welken Gras. Hier und da sprießen aber auch neue grüne Halme aus dem Boden.

Ed Overton, Ölexperte an der Louisiana State University von Baton Rouge, hält dies für ein gutes Zeichen. „Es war nicht so schlimm, wie ich damals dachte“, meint der vermutlich meistzitierte Wissenschaftler während der Ölkatastrophe heute. Jenseits einzelner Problemgebiete sei das Öl schneller verschwunden, als zu erhoffen war – von Lösungsmitteln in mikroskopisch kleine Tropfen aufgelöst.

Die Entscheidung der US-Regierung, das Bohren in der Tiefsee wieder zu erlauben, findet Overton richtig. So sehen es auch die Küstenbewohner, die den Teufelspakt mit dem Öl nicht aufkündigen wollen. Schließlich ist es neben der Fischerei und ein wenig Tourismus die einzige bedeutsame Einnahmequelle. Sie unterscheiden zwischen der Industrie und BP, wägen zwischen persönlichem Interesse und Gemeinwohl ab. Verbunden mit den Entschädigungsmilliarden, die in die Region strömen, erklärt das die Widersprüche, die an der Golfküste Konjunktur haben.

Matt O’Brien, der im Hafen von Venice das „Tiger Pass Seafood“-Dock betreibt, hat selten Kutter so voll zurückkehren sehen wie in der Nebensaison Anfang des Jahres. Stolz öffnet der bullige Kerl einen Plastikbottich, in dem die auf Eis gepackten Schalentierchen auf den Versand warten. „Ich habe noch keinen verkehrten Shrimp entdeckt“, meint der raubeinige Geschäftsmann, der die Krise nutzte, sein neues Dock zu etablieren. Als einer der wenigen vor Ort kaufte er die Fänge der Berufsfischer an.

Geld, das Kapitän Henry „Blue“ Hess gut gebrauchen könnte. Während sein Nachbar an Pier fünf von BP so viel Geld bekam, dass er sich ein zweimal so großes Boot kaufen konnte, wartet Hess bis heute auf seine Entschädigung. Obwohl Ehefrau Dodie, die für „Blue“ die Bücher führt, per Steuererklärung den Verlust von mehr als 100000 Dollar nachwies. „Wir haben viele offene Fragen“, resümiert Dodie, die den Wunsch ihres Mannes teilt, alles möge endlich wieder zur Normalität zurückkehren.

Davon ist der „Ground Zero“ der Ölkatstrophe noch weit entfernt. Dass dies nicht in Vergessenheit gerät, dafür sorgt Billy Nungesser, Präsident von „Plaquemines Parish“, der mit seinen nächtlichen Tiraden auf CNN während der Krise zum Gesicht einer ganzen Region aufstieg. In seinem Büro in Belle Chase poltert er am Jahrestag gegen jede Schönfärberei. Nungesser sorgt sich um Langzeitfolgen der eingesetzten Lösungsmittel, „die nirgendwo sonst auf der Welt erlaubt sind“, fordert Reihenuntersuchungen und klagt über das Öl in den Marschen.

Das wiedererwachte Medieninteresse will er nutzen, um eine Milliarde Dollar lockerzumachen, um die Sumpfgebiete mit aufgeschütteten Sandbänken zu schützen. Angeblich sollen fünf bis 20 Milliarden US-Dollar an BP-Strafen für den Wiederaufbau am Golf zur Verfügung stehen. Viele Einheimische glauben es erst, wenn das Geld eingetroffen ist. „Wir sollten ein Baseballstadion bekommen, einen Pavillon und ich weiß nicht was“, erinnert sich Angelo. „Nichts davon ist jemals Realität geworden.“

Was nützt einem eine großangelegte Entschädigung, wenn die Umwelt zum Teufel geht – Vielen Dank BP!

http://www.noz.de/deutschland-und-welt/vermischtes/53483881/hier-ist-nichts-mehr-in-ordnung

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