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Anonymous, cDc, Lebensstil, PLF, Revolution

Anonymous auf den Spuren des Schwarms


Ein Debattenbeitrag von Florian Hauschild

In letzter Zeit erregte Anonymous mehrfache Aufmerksamkeit. Anfangs als Verteidiger von Wikileaks, dann bei der Unterstützung der arabischen Revolutionen, im  Zusammenhang mit Angriffen auf Sony und zuletzt aufgrund interner Querelen. le bohémien wartet mit einer zweiteiligen Tiefenanalyse auf und lüftet den Schleier, der das Kollektiv derzeit noch vernebelt.

Die Beobachtung

Biologen können erklären, wie Organisation in einem scheinbar unorganisierten Vogelschwarm funktioniert: Die Tiere orientieren sich im Flug immer an ihren direkten Nachbarn und passen dabei Geschwindigkeit und Flugrichtung automatisch einander an. Auf diese Weise lässt sich flexibel reagieren und schnell die Richtung ändern – ganz ohne Führungstier im Schwarm.

Eine Frage, die Soziologen in diesem Zusammenhang unweigerlich beschäftigen muss: Kann dieses Prinzip auch beim Menschen funktionieren? Unorganisierte Organisation, Struktur ohne Rollen, zielgesteuertes Handeln ohne Führung? In letzter Zeit, so scheint es, schickt sich das Aktions-Kollektiv Anonymous an, diese Frage beantworten zu wollen. Bisher von den Leitmedien meist nur als Hacker-Clan, Cyber-Aktivisten oder Internet-Robin-Hoods etikettiert, offenbart sich hier Raum für tiefer gehende Fragen.

Weltweite Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum erregte Anonymous seit 2008 zunächst durch Demonstrationen. Bekleidet mit Guy-Fawkes-Masken, bekannt aus dem Film „V wie Vendetta“, mobilisierten die Anhänger der Bewegung gegen Scientology, aber auch für Meinungsfreiheit und sorgten dafür, dass bis zu 8.000 Menschen sonst wohl eher bürolastige Arbeitsplätze gegen Präsenz auf der Straße eintauschten.

Einem breiteren Publikum wurde Anonymous erst im Zuge der Veröffentlichungen der Botschafter-Depeschen durch Wikileaks bekannt. Nachdem Unternehmen wie Mastercard und Paypal Julian Assanges Proekt Wikileaks zu sanktionieren versuchten, schlug der anonyme Schwarm auf spektakuläre Weise zurück: Professionell organisierte Attacken zwangen die Server der Multis zeitweise in die Knie. Zufall, ein zu vernachlässigenswertes Ereignis oder organisierte Kompetenz?

Der Versuch einer Analyse

Anonymous, was ist das überhaupt? Man weiß bisher von Anonymous, dass in dieser Vereinigung keine Führungsstruktur existiert, keine formelle Mitgliedschaft. Anonymous bezeichnet sich selbst auch als eine „wechselhafte, fließende Kreatur“. Dabei gilt: Jeder kann Anonymous werden, jeder der will, kann sich beteiligen. Einen gemeinsamen Kodex gibt es dabei jedoch: Das Ziel für Meinungsfreiheit zu kämpfen, sowie für den unkontrollierten Austausch von Information und gegen Zensur.

Anonymous ist in diesem Sinne ein Kind seiner Zeit, geboren in der Ära des Internets, in der die digitale Vernetzung und der sofortige, weltweite Austausch von Information zum Leben vieler Menschen mittlerweile einfach dazu gehören. So wird freie digitale Kommunikation von immer mehr Menschen als Grundrecht wahrgenommen und deshalb auch verteidigt. Dies, so scheint es, sind die Sphären in denen Anonymous seine Daseinsberechtigung sucht. Im Interesse steht für das Kollektiv dabei aber nicht die Person des Einzelnen, sondern dessen Output bei der Verfolgung gemeinsamer Ziele. Was zunächst diffus erscheinen mag, klärt sich jedoch nach und nach auf.

Die Kreatur als Schwarm

So stellt sich für den außenstehenden Beobachter – den Soziologen, der die Gruppe analysiert –  zunächst unweigerlich die Frage, wie Arbeitsorganisation und die Verständigung auf gemeinsame Ziele, ohne eine formelle Organisationsstruktur möglich sein kann. Der Rückgriff auf das Bild des Vogelschwarms scheint hier durchaus Sinn zu machen: Einzelne Akteure kommunizieren projektbezogen miteinander und stimmen ihr Handeln in Geschwindigkeit und Richtung aufeinander ab. Es scheint, als fliege so der gesamte Schwarm in dieselbe Richtung auch wenn zuvor kein gemeinsames Ziel definiert wurde.

Mehr jedoch: Nach und nach ist eine Komplexitätssteigerung der Aktivitäten zu beobachten. Handelte es sich bei den ersten Anonymous-Aktionen noch um zwar spektakulär inszenierte, aber dennoch recht simple Demonstrationen, wurden später bereits professionell organisierte DDos-Attacken durchgeführt.

Nun ist Destruktivität immer einfacher zu erreichen als Konstruktivität, dennoch scheint es, als habe das Kollektiv diesen Evolutionsschritt hinter sich. Bereits heute kann Anonymous zielgerichtete Teamarbeit verrichten. In dem Projekt Crowdleaks finden sich Gleichgesinnte zusammen, die – unabhängig von Mainstreammedien – Wikileaks-Dokumente sichten, Recherchen betreiben und Artikel verfassen. Ein Projekt, das bisher nicht ins öffentliche Bewusstsein hervorgedrungen ist, das aber zeigt: Der Mensch scheint auch ohne formelle Organisationsstrukturen in der Lage zu sein, konstruktiv und produktiv auf ein gemeinsames Ziel hin zu arbeiten.

Auch Qualität und Erfolg der Wikipedia deuten an, zu welchen produktiven Leistungen der Mensch „im Schwarm“ im Stande sein kann. Genauso wie Anonymous funktioniert Wikipedia nicht mit einer starren Hierarchie. Sicher, es gibt sie, die Schlüsselpositionen, die über die Übernahme von Änderungen in Artikeln entscheiden, das Wissen kommt aber letztendlich aus der Masse und wird von dieser ohne direkten Auftrag zusammengetragen.

Fragt man also tiefer nach der Schwarmintelligenz des Menschen, kann der Schlüssel zum Verständnis dieser – aufgrund des expliziten Verzichts auf Organisationsstrukturen im Schwarm – nur in den besonders ausgeprägten Kommunikationsstrukturen zwischen den Mitgliedern des Kollektivs liegen.

Anonymous hat hier bereits eine erstaunliche Entwicklung genommen: Jeder der will, findet Anonymous mittels der Google-Suchanfrage „#opnewblood guide“, jeder der will kann sich ein Bild davon machen wie sich Anonymous vernetzt und in unterschiedlichen Sprachen kommuniziert. Es lässt sich beobachten wie gemeinsam an Dokumenten, Erklärungen und Aktionen gearbeitet wird. Auch der Verfasser dieses Artikels konnte sich so von der Arbeitsweise des Kollektivs ein Bild machen.

Die Perspektiven

Es bleibt die Frage, wohin Anonymous in Zukunft steuert. Niemals in der Geschichte der Menschheit waren die Möglichkeiten der gemeinsamen Vernetzung und des direkten Informationsaustausches so groß wie heute. Die Produktivität, die der Mensch aus dieser Vernetzung ableiten kann, wurde bisher nicht einmal ansatzweise begriffen. Doch lauern ebenso Gefahren: Die Geschichte lehrt, wie die Masse auch zum Tyrannen werden kann.

Auch einen ersten „Staatsstreich“ hat Anonymous bereits hinter sich. Am 7. Mai war die Nachricht zu vernehmen Ryan, einer der technischen Administratoren der Kommunikationsstrukturen von Anonymous, habe verkündet ihm missfalle die führerlose Struktur des Kollektivs. Ryan selbst gab zu Protokoll er habe lediglich einer Zentralisierung entgegenwirken wollen. Im Zuge der Ereignisse übernahm Ryan die Kontrolle über die Domains AnonOps.ru und AnonOps.net. Der „Schwarm“ reagierte, enttarnte den gerade einmal volljährigen Ryan und verbannte ihn nach zwei Tagen interner Querelen aus seinen Reihen. Ryans Statement: The only way to make things safe is to make users aware how insecure it is.

Die Aussage trifft nicht nur den Kern eines allgegenwärtigen Problems, sondern ist im Grunde ganz im Sinne der Anonymous-Philosophie: Jenseits von Idealismus und Tatendrang wurde dem Kollektiv abermals offenbart, dass sich auch in Zukunft der Frage gestellt werden muss, wie die hehren Ziele des Zusammenschlusses gegen Machtkonzentration, Unterwanderung und Instrumentalisierung geschützt werden können. Auch ist bisher nicht klar ob und wie Anonymous sich von der wachsenden so genannten Truther-Szene abgrenzt, die sich ebenfalls die Verteidigung der Meinungsfreiheit auf die Fahnen schreibt. Wohl am ehesten durch die sarkastische und satirische Kommunikationsform („do it for the lulz“), die oft im Kollektiv herrscht.

Doch Gefahren lauern nicht nur hier. Ebenfalls könnten durch Zensur und Kontrolle die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung verloren gehen, noch bevor sie auch nur annähernd entwickelt wurden. Machtinteressen und das Bestreben, die herrschenden Verhältnisse zu erhalten, sind von jeher eine treibende politische Kraft. Sollte Anonymous weiter wachsen, werden Regierungen und Geheimdienste das Kollektiv zweifellos zunehmend ins Visier nehmen.

Auch in formellen Demokratien ist Informationsfreiheit kein selbstverständliches Gut. Die Erfahrungen, die Wikileaks-Gründer Julian Assange mit den staatlichen Behörden und Geheimdiensten machen musste, sind ein düsterer Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag. Auch für diese Entwicklung scheint Anonymous sich in Stellung zu bringen. Möglicherweise als derzeit am besten aufgestellter Akteuer auf diesem Feld – gerade weil die Beteiligten auf eine Struktur verzichten und somit kaum fassbar sind.

Gegen Ende der Recherchen drängte sich dem Autor dieses Artikels eine weitere Metapher auf: Die Kreatur Anonymous wirkt manchmal wie ein noch pubertierender Teenager. Wild entschlossen, idealistisch, oft auch albern und nicht immer ganz gefestigt. Ein Grund Anonymous deshalb zu verteufeln? Wohl nicht. Denn in Bezug auf digitale Medienkompetenz und der Bewusstwerdung der Gefährdung der freien Rede sind die meisten von uns noch auf dem Entwicklungsstand eines Neugeborenen. http://le-bohemien.net/2011/05/16/anonymous-artike/

Zum Exklusivinterview mit deutschen Repräsentanten von Anonymous   

Declaration of Independence of Cyberspace

Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace 

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